Zum Unbehagen, über Afrika zu schreiben

„Luanda und Rio, Mombasa und Bombay oder Tunis und Marseille liegen sich unvergleichlich viel näher als Khartum und Windhoek, Freetown und Antananarivo oder Lusaka und Dakar“, meint Georg Brunold in seinem programmatisch betitelten Buch „Afrika gibt es nicht“.1 „Afrika gab es nie“, ließe sich mit Blick auf die Geschichte ergänzen. Schließlich verband Mombasa, um im Beispiel zu bleiben, auch schon in der Vergangenheit mehr mit Bombay als mit Luanda oder Windhoek.

Das Unbehagen, Afrika als Entität zu betrachten, ist zunächst ein Unbehagen gegenüber Generalisierungen: Auf den gesamten Kontinent bezogene Aussagen können die widerspruchsvolle Verschiedenheit, die er allein schon aufgrund seiner Größe unausweichlich umfasst, kaum angemessen abbilden. Schlimmstenfalls reproduzieren diejenigen, die „Afrika als ein einziges Land behandeln“, koloniale und exotistische Stereotype, wie sie etwa Binyavanga Wainaina in seiner Polemik „Schreiben Sie so über Afrika!“ aufzählt.2 Demgegenüber ließe sich einwenden, dass Abstraktion ein unverzichtbares Erkenntnisinstrument und es ohne Verallgemeinerung und Vereinfachung nicht möglich ist, überhaupt eine Aussage über Geschichte zu treffen.

Doch das Unbehagen, Afrika als Entität zu betrachten, ist auch ein Unbehagen gegenüber Verzerrungen: Aussagen über Afrika deuten nicht nur Bezüge innerhalb des Kontinents an, die es womöglich nicht gab, sondern lassen auch die über den Kontinent hinausweisenden Bezüge, die es gab, in den Hintergrund treten. Dieses Problem, auf das das Eingangszitat Brunolds verweist, ist nicht einfach ein Konflikt zwischen Verallgemeinerung und Konkretisierung oder zwischen Stereotyp und Repräsentationsgerechtigkeit. Es ist das Problem, die historischen Räume menschlichen Erfahrens und Handelns auf Begriffe zu bringen, die ihren tatsächlichen Dimensionierungen gerecht werden. In diesem Sinne hat Jonathan Reynolds auf Joseph C. Millers Überlegungen zur Rolle Afrikas in einer multizentrischen Weltgeschichte entgegnet: „Vielleicht ist Afrika selbst groß genug, um multizentrisch zu sein.“3

 

[1] Georg Brunold. Afrika gibt es nicht: Korrespondenzen aus drei Dutzend Ländern. Frankfurt a. M.: Eichborn, 1994. 10.

[2] Binyavanga Wainaina. „Schreiben Sie so über Afrika! Stöhnen ist gut: Eine Anleitung.“ Süddeutsche Zeitung, 17.01.2006.

[3] Jonathan T. Reynolds. The Borders of African and World History. Recent Themes in the History of Africa and the Atlantic World: Historians in Conversation. Hrsg. Donald A. Yerxa. Columbia: U of South Carolina P, 2008. 38–42, hier 40 (Zitat übersetzt von F. S.).

 

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