Wessen Blick auf Afrika?

Was der vorherige Beitrag für Afrika in Anspruch genommen hat, trifft selbstredend auf die anderen Kontinente nicht weniger zu. Daher wundert es mich immer wieder, in wie vielen Afrika-bezogenen Veröffentlichungen der letzten Jahre vom „europäischen Blick auf Afrika“ zu lesen ist – als hätte es jemals nur einen gegeben. Europa ist vielleicht kleiner als Afrika, aber es ist sicher groß genug, um ebenfalls multizentrisch zu sein. Und so wenig, wie sich Europa als einheitlicher Raum darstellte, teilte seine Bevölkerung ein gemeinschaftliches Projekt oder einen gemeinsamen Blick. Darauf hat jüngst Nicole Ulrich nachdrücklich hingewiesen: Die Forscher und die Seeleute, die Missionare und die Prostituierten, die Adligen und die Handwerker oder die Beamten und die Deportierten, die ab dem 15. Jahrhundert auf Schiffen aus Europa an die Strände Afrikas kamen, waren „nicht durch ein einziges intellektuelles Projekt verbunden, sondern durch tiefe gesellschaftliche und ideologische Spaltungen zerrüttet“.1 So formuliert es Ulrich in einem Aufsatz über die Forschungsexpedition des schwedischen Naturwissenschaftlers Anders Sparrman, die Anfang 1772 von Göteborg ans Kap der Guten Hoffnung segelte.

Ulrich hat vor einem Jahr an der University of the Witwatersrand über Widerstandspraktiken und Selbstorganisierung von Seeleuten, Sklaven und Sklavinnen, Soldaten und anderen „arbeitenden Armen“ in der Kapkolonie des 18. Jahrhunderts promoviert.2 Die Arbeit habe ich noch nicht lesen können, aber der thematische Zuschnitt verspricht, dass hier mehr über die Widersprüche zwischen denjenigen zu erfahren ist, denen oft allzu schnell eine einheitliche Perspektive unterstellt wird.

 

[1] Nicole Ulrich. „Dr Anders Sparrman: Travelling with the Labouring Poor in the Late-Eighteenth-Century Cape.“ South African Historical Journal 61.4 (2009): S. 731–49, hier S. 733 (Zitat übersetzt von F. S.).

[2] Nicole Ulrich. „Counter Power and Colonial Rule in the Eighteenth-Century Cape of Good Hope: Belongings and Protest of the Labouring Poor.“ Diss. U of the Witwatersrand, 2011.

 

1 Response to “Wessen Blick auf Afrika?”


  • Das klingt nach einer lesenswerten Lektüre von Ulrich. Überhaupt finde ich Dokumentationen über solche Expeditionen äußerst spannend, wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen damals zu kämpfen hatten und für welche Ziele unvorstellbare Anstrengungen hingenommen wurden.

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