Welche Bücher lasen Seeleute?

Auf amerikanischen Walfängern des 19. Jahrhunderts war das Lesen von Büchern nicht eben weit verbreitet. Viele Seeleute konnten nicht lesen. Auch diejenigen, die es konnten, nutzten ihre rare Freizeit eher für andere Beschäftigungen, etwa zum Kartenspielen, Musizieren oder zum Ausbessern ihrer Kleidung. Wenn Männer lasen – oder sich von anderen vorlesen ließen –, dann meist Briefe von Angehörigen, Freunde oder Geliebten. Einige lasen ein und denselben Brief über Monate wieder und wieder und hielten dadurch zumindest symbolisch und affektiv eine Verbindung zum Außerhalb des isolierten Schiffsraums aufrecht.1

Doch auch auf Walfängern fanden sich manche Seeleute mit Interesse an Büchern. Was lasen sie? Von seiner Fahrt mit der Globe aus New Bedford von 1869 bis 1872 berichtet der Seemann John Coguin in seinem Tagebuch, dass er Frederick Marryats „The Phantom Ship“ las, einen düsteren Schauerroman über ein verfluchtes Geisterschiff.2 Das Logbuch der Bark Mars aus New Bedford über ihre Fahrt von 1845 bis 1847 enthält eine rare Aufstellung von offenbar an Bord befindlicher Literatur.3 Angesichts der Seltenheit solcher Quellen muss offen bleiben, ob die Liste irgendeine Repräsentativität beanspruchen darf. Ebenso muss offen bleiben, ob es sich um eine allgemein zugängliche oder um eine private Bibliothek handelte (etwa die des Logbuchschreibers). Die Aufstellung ist mit Bleistift geschrieben und führt augenscheinlich Kurztitel auf. Von den zehn verzeichneten Titeln sind sieben gut lesbar; bei den meisten scheint es sich um religiöse Schriften zu handeln:

 

• „Baxter’s Saints Rest“ – womöglich „The Saint’s Everlasting Rest“, das 1650 erschienene Hauptwerk des britischen Puritaners Richard Baxter

• „Baxter’s Call“ – womöglich „Call to the Unconverted to Turn and Live“, ebenfalls von Richard Baxter

• „Keeping the Heart“ – womöglich das populäre Traktat „A Treatise on Keeping the Heart“ des britischen Presbyterianers John Flavel

• „The True Christian“ – wohl ein religiöses Traktat

• „Life of Newton“ – womöglich entweder David Brewsters Biographie über den Naturwissenschaftler Isaac Newton („The Life of Sir Isaac Newton“, 1829) oder die Autobiographie des anglikanischen Geistlichen John Newton („An Authentic Narrative of some Remarkable and Interesting Particulars in the Life of the Rev. John Newton“, 1795)

• „St. Helena & Cape of Good Hope“ – wohl ein nautisches Handbuch oder ein Reisebericht

• „Christ receiven Sinners“ – womöglich „The Willingness of Christ to Receive Sinners“, eine um 1840 in gedruckter Form verbreitete Predigt des Pastors John King aus Kingston upon Hull

 

[1] Paul A. Gilje. Liberty on the Waterfront: American Maritime Culture in the Age of Revolution. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 2004. 54f.

[2] John S. Coguin. Journal GLOBE, 1869–1872. New Bedford Whaling Museum, Whaling logbooks and journals: ODHS 0255. 28.11.1871.

[3] F. S. Cornell. Logbook MARS, 05.10.1845–30.09.1847. New Bedford Whaling Museum, Whaling logbooks and journals: ODHS 1058.

 

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