Loomings

Pelikane so groß wie Schiffe traten aus dem Nebel hervor, dazu eine Krähe von der Größe eines Felsens. Knochen gestrandeter Wals zeichneten sich hoch wie Häuser am Horizont ab. Beim Forschungsreisenden Charles John Andersson hinterließ die Szenerie einen tiefen Eindruck. „Every object had a bewildering and supernatural appearance“, berichtete Andersson später, „and the whole atmosphere was misty, tremulous, and wavy.“1

Bei dem Phänomen, das Andersson im August 1850 in Walvis Bay beobachtete, handelte es sich um eine mehrfache Luftspiegelung: Im Aufeinandertreffen warmer und kalter Luftmassen brechen die Lichtstrahlen der Sonne und erzeugen in der Luft verzerrte und vergrößerte Spiegelbilder von entfernten Objekten am Boden. Im Deutschen gibt es dafür das wenig geläufig Wort „Kimmung“; etwas bekannter sind die englischen Bezeichnungen Superior mirage und Looming. Das Phänomen tritt auf, wo eine kalte Luftschicht am Boden von einer heißen Luftschicht überlagert wird. In Walvis Bay, wo die heiße Luft der Namib-Wüste auf den aus der Antarktis kommenden Benguela-Strom trifft, ließ es sich häufig beobachten. „All animals grow to the dimensions of immense mountains“, notierte etwa der schwedische Kapitän Thure Gustav Een, der im Mai 1866 auf dem Küstenfahrer Telegraph aus Kapstadt dorthin kam. „You think that you are seeing before you one of the enchanted countries of the fairy tales.“2

Ein Looming erzeugt nicht nur eine phantastische Atmosphäre, sondern kann auch Dinge zu erkennen geben, die sich jenseits der eigenen Sichtweite befinden. Es verändert somit das Raumgefühl, ähnlich wie ein Traum oder ein Rauscherlebnis es vermag. Grenzen, denen die menschliche Wahrnehmung unterworfen ist, scheinen für einen Moment überwindbar. Diese Eigenschaft macht das Looming zu einer reizvollen Metapher für Erkenntnisvorgänge. Schon Herman Melville hatte diese Idee, der das erste Kapitel seines „Moby-Dick“ daher auch „Loomings“ nannte. Dort schildert Melville, wie Mitte des 19. Jahrhunderts an einem Sonntagnachmittag in New York Menschen in Massen ans Ufer kommen und das Meer betrachten. Ihre Blicke richten sich weniger auf die Schiffe, die Seeleute oder das geschäftige Treiben im Hafen. Eigentlich sind sie auf das Wasser fixiert, das sich am Horizont zum Ozean öffnet. Vom Betrachten dieser Öffnung erhoffen sie sich eine Öffnung ihres Denkens – so die Interpretation des Historikers John Stilgoe, der ich hier folge3 –, sei es in der Form eines Tagtraums oder eben einer Luftspiegelung, die sie für einen Moment über den Horizont hinweg sehen lässt. So betrachtet weist das „Loomings“-Kapitel über seine unmittelbare Handlungsrelevanz hinaus – und ist darin selbst einem Looming ähnlich.

So interessant wie Melvilles Blick auf Loomings ist, so interessant wäre es auch, zu erfahren, wie Menschen außerhalb westlicher Wissens- und Erkenntnissysteme sie betrachteten. Welche Metaphern fanden etwa die Leute von Walvis Bay, die ǂAonîn, für das Phänomen? Leider haben Andersson und Een sich dafür offenbar nicht interessiert.4

 

[1] Charles J. Andersson. Lake Ngami; or, Explorations and Discoveries During Four Years’ Wanderings in the Wilds of Southwestern Africa. London: Hurst & Blackett, 1856. 17, siehe auch Francis Galton. The Narrative of an Explorer in Tropical South Africa. London: John Murray, 1853. 16.

[2] Thure G. Een. Memories of Several Years in South-western Africa, 1866–1871. Windhoek: Namibia Scientific Society, 2004. 30.

[3] John R. Stilgoe. Alongshore. New Haven, London: Yale UP, 1994. 23f.

[4] In der einschlägigen ethnographischen Literatur lässt sich nichts darüber finden (Kuno F. R. Budack. „The ≠Aonîn or Topnaar of the Lower !Kuiseb Valley and the Sea.“ Khoisan Linguistic Studies 3 (1977): 1–42; A. Winifred Hoernlé. „The Social Organization of the Nama Hottentots of South-West Africa.“ American Anthropologist 27.1 (1925): 1–24; Oswin Köhler. „Die Topnaar-Hottentotten am unteren Kuiseb.“ Ethnological and Linguistic Studies in Honour of N. J. van Warmelo: Essays Contributed on the Occasion of his Sixty-fifth Birthday 28 January 1969. Hrsg. The Ethnological Section. Pretoria: Government Printer, 1969: 99–122).

 

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