Leonhard Schultze erzählt

Gewöhnlich sind naturwissenschaftliche Forschungsberichte aus der Zeit um 1900 in poetischer Hinsicht nicht besonders ansprechend. Bevor Rachel Carson in ihren meeresökologischen Bestsellern Mitte des 20. Jahrhunderts beispielgebend biologische Expertise mit literarischen Ambitionen verband, brachten die Naturwissenschaften eher dröge Texte hervor. Umso bemerkenswerter scheint mir daher die Erzählweise, die der Forschungsreisende Leonhard Schultze für seinen 1907 erschienenen Bericht über das südwestliche Afrika gewählt hat – der immerhin für die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften bestimmt war. So schreibt Schultze etwa in anschaulicher Weise über die Felsküste im Süden des heutigen Namibia:

„Draußen am breiten Eingang einer solchen Schlucht, an einer der massigen, runzelig zerfurchten Klippen oder an einem Block spitzer Gneispfeiler, bricht sich die Welle mit einem ersten dumpfen Stoß. Und nun wälzt sich unaufhaltsam, mit einer Steilfront von mehreren Manneshöhen, die brodelnde Masse heran, um so wilder und schneller je enger das Felsenbett wird, in das sie sich zwängen muß. In ihrem Rauschen geht für Momente das Donnern der Brandung unter, dann setzt es verstärkt wieder ein und mischt sich in das hohle Poltern und Anschlagen der schweren Gerölle, die das rücklaufende Wasser mit sich reißt. Noch ist die Welle nicht verlaufen, da verschwindet der hundert Meter lange Felsrücken, der zwei Schluchten trennt und bisher allem Ansturm getrotzt hatte, in einem ungeheuren Wasserschwall, der seitlich in breitem Strom über ihn hinwegschießt, an dem gegenüberliegenden Felsenzug anbrandet und in das übervolle Tal schäumend zurückgeworfen wird.“1

 

[1] Leonhard S. Schultze. Aus Namaland und Kalahari: Bericht an die Kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin über eine Forschungsreise im westlichen und zentralen Südafrika, ausgeführt in den Jahren 1903–1905. Jena: G. Fischer, 1907. 3.

 

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