Heterotopien werden gemacht

„Das Schiff ist die Heterotopie par excellence“, meinte Michel Foucault 1966 in einem Radiovortrag für den Sender France Culture. Ausdrücklich bezog er sich dabei auf historische Schiffe „seit dem 16. Jahrhundert“ – auf die neuzeitliche Seefahrt und das „Reservoir für die Fantasie“, das sie hervorgebracht habe.1 Obwohl Foucault dem Heterotopie-Begriff in seinen Hauptwerken keine große Rolle mehr eingeräumt hat, lassen sich viele, die heute über Schiffe vergangener Zeiten forschen, nach wie vor davon inspirieren. Julia Angster etwa greift den Begriff in ihrer Studie über die Royal Navy zwischen 1770 und 1860 auf, um Schiffe der Kriegsmarine als isolierte „Orte ohne Ort“ zu charakterisieren. Im Weiteren verwendet Angster den Begriff allerdings nicht mehr; es bleibt bei einem knappen Abriss von Foucaults Überlegung.2

Für den gegenwärtigen Stellenwert der Idee des Schiffs als einer Heterotopie scheint mir dieses Vorgehen nicht untypisch: Sie zählt zu den Referenzen, deren Nennung von kulturgeschichtlichen Untersuchungen zur maritimen Themen offenbar erwartet wird, die aber keine forschungspraktische Operationalisierung erfährt. Das ist nicht wirklich verwunderlich, denn bei näherer Betrachtung erweist sich „Heterotopie“ als ausgesprochen vages Konzept: Foucault definiert Heterotopien als „vollkommen andere Räume“, ohne aber zu klären, von welchen Normen solche Räume in welcher Weise abweichen müssen, um in seinem Sinne als „anders“ zu gelten. Die zahlreichen Beispiele, die er neben dem Schiff für Heterotopien aufzählt, könnten kaum unterschiedlicher sein: Feriendörfer und Gefängnisse, Gärten und Bordelle, Kolonien und Altenheime, Arbeitsstätten und Museen, um nur einige zu nennen.

Eine solchermaßen offene Bestimmung – im Kern handelt es sich bei dem Begriff um eine einstellige Relation – hat einerseits den Vorzug, der Historizität von Raum angemessen Rechnung zu tragen. Foucault weist selbst darauf hin, indem er betont, dass sich Heterotopien verändern können. Mitunter sind sie recht kurzlebige Angelegenheiten. Schließlich ist kein Ort aus sich selbst heraus eine Heterotopie. Er wird stets von konkreten Akteuren zu einer solchen gemacht, und zwar zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Räumen.

Gerade dies bedeutet aber andererseits, dass prinzipiell jeder Ort mit einiger Plausibilität als Heterotopie bezeichnet werden könnte oder eben auch nicht – es kommt allein darauf an, wessen Perspektive man folgt. Kolonien etwa sind vor allem von denjenigen als „andere Räume“ betrachtet worden, die nie dort gewesen sind – für den deutschsprachigen Kolonialdiskurs hat Susanne Zantop das eindrucksvoll gezeigt.3 Und ein Schiff stellte sich für einen Bergmann wohl eher als „anderer Raum“ dar als für einen Seemann.

Ergo: Um mit dem Heterotopie-Begriff etwas verstehen, analysieren oder kritisieren zu können, sollte er nicht bloß auf einen Ort bezogen werden wie beispielsweise ein Schiff, sondern immer auch auf die Akteure, die den Ort in ihrer sozialen und kulturellen Praxis zu einem „anderen Ort“ gemacht haben. Ohne zu klären, um wessen Heterotopie es geht, ist der Begriff entbehrlich.

 

[1] Michel Foucault. Die Heterotopien. Die Heterotopien, der Utopische Körper: Zwei Radiovorträge. Berlin: Suhrkamp, 2013. S. 7–22, hier S. 21f.

[2] Julia Angster. Erdbeeren und Piraten: Die Royal Navy und die Ordnung der Welt 1770–1860. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012. 42f.

[3] Susanne Zantop. Colonial Fantasies: Conquest, Family, and Nation in Precolonial Germany, 1770–1870. Durham: Duke UP, 1997.

 

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