Segeln und gefangen sein

„Ein Gefängnis mit der Aussicht zu ertrinken“, nannte der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson das Schiff als solches, als er am 6. Januar 1833 als Passagier auf dem Handelsfahrer Jasper aus Boston seinen Tagebucheintrag vornahm.1 Viele derjenigen, die auf Segelschiffen arbeiteten, verglichen das Schiff dagegen mit einer Sklavenplantage. „Seeleute sind auf See so furchtbarer Sklaverei ausgesetzt wie jedes der Kinder Afrikas in jedem beliebigen Teil der Welt“, meinte etwa Ben Ely, der von 1844 bis 1847 als Küfer auf dem Walfänger Emigrant aus Bristol (Rhode Island) arbeitete, in seinem Bericht über die Fahrt.2

Um die Ähnlichkeiten, die das Leben auf Schiffen, in Gefängnissen und auf Plantagen verband, auf einen Begriff zu bringen, haben Historiker und Historikerinnen das Konzept der „totalen Institution“ aufgegriffen, das der Soziologe Erving Goffman 1957 entwickelt hat. Als totale Institutionen kategorisiert Goffman Einrichtungen, in denen Menschen gegenüber ihrer gesellschaftlichen Umgebung räumlich und kommunikativ weitgehend abgeschlossen leben, zum Beispiel Gefängnisse oder geschlossene Psychiatrien. Aufgrund ihrer Isoliertheit prägen totale Institutionen das Dasein ihrer Bewohner und Bewohnerinnen umfassend. Weil das auch auf Schiffen zu beobachten ist, hat es sich in der maritimen Geschichtsschreibung durchgesetzt, auch diese als totale Institutionen zu beschreiben – zumindest solche Schiffe, auf denen Seeleute vergleichsweise lange zusammenlebten, also etwa Handelsfahrer, Walfänger oder Kriegsschiffe.

Aus diesem Gleichklang schert Timo Heimerdinger in seiner Untersuchung über den Seemannsberuf und seine Repräsentationskultur aus. Als „nicht brauchbar“ weist er den Begriff für Schiffe zurück. Denn als totale Institutionen, so Heimerdingers Haupteinwand, wollte Goffman Einrichtungen zur sozialen Disziplinierung verstanden wissen, und davon könne beim Schiff keine Rede sein.3 Anders als die meisten Argumente Heimerdingers überzeugt mich dieser Punkt nicht. Denn ob „totale Institution“ zur Kategorisierung von Schiffen taugt oder nicht, scheint mir nicht davon abzuhängen, zu welchem Grad der Begriffsgebrauch der Erstbestimmung durch Goffman entspricht bzw. von ihr abweicht. (Ohnehin hat sich der Bedeutungsinhalt des Begriffs durch seine Verwendung in Forschungen etwa zu Altenheimen, Arbeitslagern oder Flüchtlingsunterkünften verändert.) Entscheidend ist wohl eher, ob die Ähnlichkeiten, die der Begriff andeutet, empirisch nachweisbar sind und ob die Analogiebildung hilft, historische Vorgänge zu verstehen.

Für beides sprechen viele Argumente, die man unter anderem bei Vilhelm Aubert, Marcus Rediker und Ralf Lisch finden kann.4 Und bei Greg Dening. Der hat eine Jesuitenschule besucht, bevor er begann, über Schiffe zu forschen. In Erinnerung an diesen Lebensabschnitt schreibt er: „I knew what ‘total institutions’ were long I read about them in Erving Goffman’s The Presentation of Self in Everyday Life.“5

 

[1] Ralph W. Emerson. From Journals. American Sea Writing: A Literary Anthology. Hrsg. Peter Neill. New York: Library of America, 2000. 118–27, hier 120 (Zitat übersetzt von F. S.).

[2] Ben E. S. Ely. There She Blows: A Narrative of a Whaling Voyage in the Indian and South Atlantic Oceans. Middletown: Wesleyan UP, 1971. 40f., 86 (Zitat übersetzt von F. S.).

[3] Timo Heimerdinger. Der Seemann: Ein Berufsstand und seine kulturelle Inszenierung (1844–2003). Köln: Böhlau, 2005. 79–81.

[4] Vilhelm Aubert. The Hidden Society. New Brunswick: Transaction, 1982; W. Jeffrey Bolster. Black Jacks: African American Seamen in the Age of Sail. Cambridge: Harvard UP, 1998, insb. 11f., 90f.; Peter Linebaugh & Marcus Rediker. The Many-Headed Hydra: Sailors, Slaves, Commoners, and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic. Boston: Beacon, 2000; Ralf Lisch. Totale Institution Schiff. Berlin: Duncker & Humblot, 1976, insb. 39f.; Marcus Rediker. Between the Devil and the Deep Blue Sea: Merchant Seamen, Pirates, and the Anglo-American Maritime World, 1700–1750. Cambridge: Cambridge UP, 1993.

[5] Greg Dening. Beach Crossings: Voyaging Across Times, Cultures, and Self. Philadelphia: U of Pennsylvania P, 2004. 261.

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