Greg Dening erzählt

„Nichts wird für uns am Horizont leuchten, wenn wir ihm nicht selbst ein Stück entgegenkommen.“ Das ist ein typischer Greg-Dening-Satz. Typisch insofern, als er die Schlussfolgerung einer Argumentation – hier über das Historisieren des Meeres – in eine maritime Metaphorik überführt.1 „Leuchten“ war ein Seemannsbegriff dafür, dass sich etwas noch Unbekanntes schwach an der Grenze der eigenen Sichtweite abzuzeichnen beginnt. Und der „Horizont“ ist nicht einfach der Horizont, sondern steht hier für das Gefüge aus Annahmen und Vorstellungen, die jede Erkenntnismöglichkeit umgrenzen wie eben der Horizont die Sicht von einem Schiff aus. Dening hätte also auch etwas schreiben können wie: „Wenn wir neue Einsichten in die Geschichte gewinnen wollen, müssen wir vorherrschende Paradigmen kritisch hinterfragen, um uns zusätzliche Erkenntnisperspektiven zu eröffnen.“ Hat er aber nicht. Zum Glück.

Denings Texte sind auch deshalb so lesenswert, weil sein Schreiben kunstvoll zwei Elemente ineinanderfügt, die sich in den Texten mancher Historiker und Historikerinnen eher voneinander abzustoßen scheinen: Begeisterndes Erzählen und selbstkritische Reflexivität. Wie gelingt diese Verbindung? Die Bemerkungen, die Dening in seinem Aufsatz „A Poetic for Histories“ dazu trifft2, lese ich so: Die Einsicht in die sprachliche Verfasstheit jeder Erkenntnis über das Vergangene versteht Dening – anders als manch andere in seiner Disziplin – nicht als Beschränkung oder gar Bedrohung geschichtswissenschaftlichen Erzählens. Im poetologischen Wesen des eigenen Schaffens sieht er vielmehr einen Möglichkeitsraum und Ansporn, die Vermittlung von Erkenntnis narrativ zu kultivieren. Weniger umständlich gesagt: Wenn schon Geschichte nicht anders als poetisch erzählt werden kann, dann soll man sie doch bitte auch lustvoll, einfallsreich, urteilsfreudig und theatralisch erzählen. Man kann die eigene Sprache kritisch reflektieren – hinsichtlich ihrer Metaphorik, ihrer Positionalität, ihrer Geschichte –, ohne sie ständig als gefahrvolle Macht fürchten zu müssen.

Letztlich ist das Erzählen von Geschichte für Dening ein performatives Ritual, in dem sich die Individualität und Involviertheit der schreibenden oder sprechenden Persönlichkeit mit den konventionalisierten Praktiken von Geschichte als akademischer Institution verbindet. Daher machen sich diejenigen, die ihren poetischen Eigensinn hinter normierter Wissenschaftssprache zu verbergen suchen, nicht weniger angreifbar als diejenigen, die Geschichtswissenschaft in schöngeistiger Literatur auflösen wollen. „There is no past that I describe that is not joined to my present“, so Dening darüber an anderer Stelle, „there is no other that I describe that is not joined to myself. I have not made my knowledge less certain for that, or more relative.“3 Um einen Eindruck davon zu bekommen, was aus diesen Überlegungen praktisch für Denings Erzählen folgt, empfehle ich sein wohl bekanntestes, stilistisch besonders gelungenes Buch: Mr Bligh’s Bad Language: Passion, Power and Theatre on the Bounty. Cambridge: Cambridge UP, 1994.

 

[1] Greg Dening. Tiefe Zeiten, tiefe Räume: Die Zivilisierung der See. Das Meer als kulturelle Kontaktzone: Räume, Reisende, Repräsentationen. Hrsg. Bernhard Klein & Gesa Mackenthun. Konstanz: UVK, 2003. 17–47, hier 47.

[2] Greg Dening. „A Poetic for Histories: Transformations That Present the Past.“ Clio in Oceania: Toward a Historical Anthropology. Hrsg. Aletta Biersack. Washington: Smithsonian Institution Press, 1991. 347–80, hier vor allem 353, 360, 365, 372, 376f.

[3] Greg Dening. The Bounty: An Ethnographic History. Parkville: History Dept., U of Melbourne, 1988. 66.

 

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