Gegen Relevanz: Richard Reid über die Verkürzung der tiefen Vergangenheit Afrikas

Das akademische Interesse an Geschichte in Afrika verengt sich seit den 1980er Jahren mehr und mehr auf das späte 19. und das 20. Jahrhundert, vor allem auf letzteres. Diese Entwicklung kommentiert Richard Reid in einem beachtenswerten Aufsatz für die vorletzte Ausgabe des Journal of African History kritisch.1 Afrikas tiefe Vergangenheit – so umschreibt Reid elegant die mannigfaltigen Epochen vor der Kolonialherrschaft – fällt einem „Präsentismus“ zum Opfer: einer Verkürzung von Geschichte auf einige wenige Jahrzehnte der jüngeren Zeit, denen Forscher und Forscherinnen Relevanz für die Gegenwart zuerkennen.

Unter den verschiedenen Ursachen, die Reid für dieses Problem ausmacht, hebt er eben jene Versteifung auf das vermeintlich Relevante besonders hervor: Wenn sich Geschichtswissenschaft vom „real business of policy and solutions and the ‘here and now’“ eine gegenwartsorientierte Problemlösungsagenda aufnötigen lässt, muss das Befassen mit tiefer Vergangenheit auf kurz oder lang als verzichtbarer Luxus gelten.2 Vielleicht ist die an Afrika interessierte Geschichtsschreibung dieser Gefahr deshalb in besonderem Maße ausgesetzt, weil sie ihre Projekte nicht selten in interdisziplinäre Forschungszusammenhänge einbindet, die Gegenwartsprobleme Afrikas untersuchen. Um die Verkürzung afrikanischer Geschichte abzuwenden gilt es, so Reid, der vorgeblichen Relevanz des 20. Jahrhunderts die Signifikanz der tiefen Vergangenheit gegenüberzustellen: „We need to rediscover the wider significance of precolonial history and to build safeguards against the presentism that too often foreshortens African history.“3

Die Erklärung, was es denn konkret heißt, der Behauptung von Relevanz mit der Demonstration von Signifikanz zu begegnen, bleibt Reid schuldig. Daher weiß ich auch nicht, was ich von dem Vorschlag halten soll. Keine Zweifel habe ich aber daran, dass Reid hier ein wichtiges Problem benennt und treffend analysiert. Wer noch eine Bestätigung für die Marginalisierung der tiefen Vergangenheit Afrikas braucht, kann diese zum Beispiel bei der Durchsicht der African Studies Abstracts Online der letzten Jahre finden. Oder, ganz aktuell, im gerade veröffentlichten Programm der diesjährigen Tagung der Vereinigung für Afrikawissenschaften in Deutschland.

 

[1] Richard Reid. „Past and Presentism: The ‘pre-colonial’ and the Foreshortening of African History.“ Journal of African History 52.2 (2011): 135–55.

[2] Ebd. 153.

[3] Ebd. 155.

 

1 Response to “Gegen Relevanz: Richard Reid über die Verkürzung der tiefen Vergangenheit Afrikas”


  • Passend dazu gab es im ‘Afrika Studie Centrum’ in Leiden kürzlich eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung:

    “In Defense of ‘Useless’ Research in African Studies
    by Elisio Macamo, University of Basel

    Research funding in the field of African Studies is increasingly being justified by highlighting the contribution it can make to solving development problems. This is related to the general expectation that scientific research makes a direct contribution to improving human well-being. This development entails epistemological and practical issues that should be at the centre of discussions about the status of African Studies. The entailing epistemological issues are, in fact, neither new nor particular to African Studies.

    Jürgen Habermas’s thoughts on communicative action were partially a response to what he saw as an assault on the sovereignty of the scientific pursuits that revelled in conceptual clarification while creating an enabling environment for dialogue. In pitting them against the instrumental rationality of the new managerial class with its positivist conception of science, he was rightly drawing attention to the need to revisit the methodology of the social sciences. In a sense, therefore, the expectation that research contributes to enhancing human well-being is part of a larger epistemological challenge that faces the social sciences in general and, by refraction, the field of African Studies. The aim of this seminar is to raise these issues and provide a solid epistemological grounding to the practice of research in African Studies. The claim is that so-called practice-oriented research (i.e. research that yields results in tune with development goals) poses a danger to the theoretical and conceptual integrity of African Studies. A discussion of these issues would seem essential if African Studies is to remain committed to genuine scholarship.

    African Studies Centre, Leiden
    21 June, 15.30-17.00″

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