Der dümmste Matrose und der Schwarze

„Der dümmste Matrose glaubt den Schwarzen verachten und wegwerfende Schlagwörter gegen ihn gebrauchen zu dürfen“, schreibt der Ethnologe Max Buchner 1886 in einem Aufsatz über afrikanische Musik, und fährt fort: „käme es aber auf eine Probe rein natürlicher Geschicklichkeit an, er würde demselben Schwarzen häufig genug unterliegen.“1 Die Textpassage ist ein anschauliches wie bedrückendes Zeugnis des diskursiven Zusammenspiels zwischen der rassistischen Abwertung von Schwarzen und der klassistischen Abwertung subalterner Weißer in der Zeit des Hochimperialismus. „Gewiss ist dem Neger die volle Mündigkeit (…) abzusprechen“, meint Buchner. Den „niederen Volksschichten“ Europas stünden die Schwarzen jedoch kaum nach.

Buchner, der als Schiffsarzt gearbeitet hatte und inzwischen als kaiserlicher Kommissar in Kamerun diente2, nutzte die Gleichsetzung des „dümmste[n] Matrosen“ mit „den Schwarzen“ zur Rechtfertigung seiner Beschäftigung mit Liedern aus Afrika – für die Ethnologie seiner Zeit ein neuartiges Thema, von dem er offenbar meinte, dass es einer besonderen Begründung bedürfe. Darüber, dass seine Gleichsetzung die verbreitete Annahme einer „dauernden und allgemeinen Inferiorität der [schwarzen] Race“ infrage stellen konnte, war sich Buchner durchaus im Klaren. Wohl, um deshalb nicht in den Verdacht kolonialkritischer Philanthropie zu geraten, ergänzte er seinen Text um einen Seitenhieb gegen die „unglückseligen Gleichheitsapostel“ und ihren schädlichen Einfluss. Ein aporetisches Moment aber bleibt.

 

[1] Alle Zitate in diesem Absatz aus Max Buchner. „Neger-Musik.“ Oesterreichische Monatsschrift für den Orient 12 (1886): 198–201, hier 198.

[2] Zu Buchners Wirken in Kamerun siehe etwa Astrid Kusser. Körper in Schieflage: Tanzen im Strudel des ‚Black Atlantic‘ um 1900. Bielefeld: Transcript, 2013. 259f.

 

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