Betrunken in Cabinda

Viele Europäer, die im 19. Jahrhundert ins tropische Afrika reisten, erlebten ihre dortigen Aufenthalte teilweise oder gänzlich in berauschten, mitunter wahnhaften Zuständen: Häufig erkrankten sie an fiebrigen Infektionskrankheiten, nahmen starke Medikamente wie Morphium oder Chinin oder standen unter dem Einfluss von Genussdrogen, vor allem von Alkohol. Was dies für Forschungsreisende und ihre Wissensproduktion über Afrika bedeutete, hat Johannes Fabian in seinem Buch über „Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas“ eindrucksvoll gezeigt.1 Was es für andere Akteure wie etwa Händler, Missionare oder Soldaten bedeutete, ist bislang wenig klar.

Vielsagende Einblicke in die Rauschkultur unter Händlern, die einen Ausgangspunkt für weitergehende Überlegungen bilden könnten, finden sich in einem Bericht von Joachim John Monteiro. Als Mineningenieur und Forschungsreisender hielt sich Monteiro Mitte des 19. Jahrhunderts im Nordwesten des heutigen Angola auf. In Quissembo begegnete er um 1870 einem Briten, der seine bevorstehende Rückkehr nach England mit einem dreitägigen Gelage feierte – an dessen Folgen er tags darauf starb. Unter den ausländischen Händlern in der Region sei Alkoholmissbrauch „a principal cause of the sickness“, meinte Monteiro unter dem Eindruck dieser und weiterer Geschehnisse.2 Eine bizarr anmutende Begebenheit erlebte er nahe der Congo-Mündung in Cabinda: „A poor fellow who was dying; was taken out of his bed, seated on a chair at the head of the table, and his head held up to make him drink to his own health, whilst the rest sang, ‘For he is a jolly good fellow!’“ Am nächsten Morgen war der Gefeierte tot.3

Schon zeitgenössische Beobachter wussten, dass ein solchermaßen exzessiver Alkoholkonsum weit mehr als ein gesundheitliches Risiko darstellte. Er drohte auch die koloniale Inszenierung einer rassischen Überlegenheit von Weißen zu gefährden. „In places like these, where negroes look upon white men as white men, we all feel, and are made to feel, the disgrace or degradation of one, and our moral force suffers thereby“, meinte etwa der britische Händler Richard Dennett unter dem Eindruck der betrunkenen Weißen, denen er um 1880 begegnete – ebenfalls in Cabinda.4 Probleme dieser Art hat Harald Fischer-Tiné für den Fall von Britisch-Indien bereits untersucht und gezeigt, dass die koloniale Administration sie sehr ernst nahm.5 Die historisch orientierte Afrika-Forschung steht in ihrer Beschäftigung mit solchen Phänomenen von White Subalternity dagegen noch am Anfang.

 

[1] Johannes Fabian. Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa. Berkeley: U of California P, 2000 (deutsch: Im Tropenfieber: Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas. München: C. H. Beck, 2001).

[2] Joachim J. Monteiro. Angola and the River Congo. London: Macmillan, 1875. Bd. 2 S. 241.

[3] Ebd. S. 242f.

[4] Richard E. Dennett. Seven Years Among the Fjort: Being an English Trader’s Experiences in the Congo District. London: Low/Marston/Searle/Rivington, 1887. S. 13.

[5] Harald Fischer-Tiné. Low and Licentious Europeans: Race, Class and “White Subalternity” in Colonial India. New Delhi: Orient Blackswan, 2009.

 

0 Responses to “Betrunken in Cabinda”


  • Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort