Die Wale, ihre Jäger und der Strand von Annobón

Keine Art des Jagens hat Menschen je über so weite Wege geführt wie der Walfang des 18. und 19. Jahrhunderts. Stellt man die viel diskutierte Frage nach ihrer ökologischen Bewertung für einen Moment beiseite und betrachtet die Jagd auf Wale als eine mobile Arbeits- und Lebenspraxis, so zeigt sich ein Phänomen globaler Verflechtungen, das bislang kaum als ein solches betrachtet worden ist. Entlang der imaginären, von planetarischen Strömungen vorgezeichneten Fährten ihrer Beute spannten Walfänger ab Mitte des 18. Jahrhunderts ein neuartiges Netz aus Jagdgebieten, Verkehrswegen, Umladehäfen und Transportketten um alle Weltmeere. Mehr noch: Um sich auf ihren meist mehrjährigen Fahrten zu versorgen, steuerten die Schiffe regelmäßig Inseln und Orte auf dem kontinentalen Festland an. Auf diese Weise brachte der Walfang eine eigene, die Ozeane übergreifende Topographie hervor, die sich mit den etablierten Strukturen etwa der Handels- oder der Passagierschifffahrt keineswegs deckte. Denn es waren die Wege der Wale, die denen ihrer Jäger die Richtung gaben. Am Rande dieser Wege kam es zu Austausch- und Kommunikationsbeziehungen, die sowohl an Bord der Schiffe Spuren hinterließen als auch an Stränden…

…weiter bei: Winfried Speitkamp & Stephanie Zehnle (Hrsg.): Afrikanische Tierräume: Historische Verortungen. Köln: Köppe, 2014.

»White Charity« und »A Tale of Two Islands«: Zwei Filme erkunden die postkoloniale Gegenwart

„Das Gegenteil von ‚gut‘ ist nicht ‚böse‘, sondern ‚gut gemeint‘“, lautet ein Bonmot über die Moral, das meist Kurt Tucholsky zugeschrieben wird. Im Sinne dieses geflügelten Worts erheben Kritiker und Kritikerinnen von humanitären Hilfsorganisationen immer wieder den Vorwurf, dass diese die ungleichen Verhältnisse, zu deren Aufhebung sie beitragen wollen, oft zugleich verfestigen. Der Dokumentarfilm WHITE CHARITY von Carolin Philipp und Timo Kiesel wendet diese Kritik auf die Ebene der Bildsprache. Ihm geht es um die großflächigen Plakate, mit denen Hilfsorganisationen in Deutschland um Spenden für Menschen im globalen Süden werben. Seit Ende 2011 ist der Film auf der Website www.whitecharity.de zu sehen, auf Youtube und auch auf manchen bildungspolitischen Veranstaltungen…

…weiter bei: ZAG 65 (2014)

Heterotopien werden gemacht

„Das Schiff ist die Heterotopie par excellence“, meinte Michel Foucault 1966 in einem Radiovortrag für den Sender France Culture. Ausdrücklich bezog er sich dabei auf historische Schiffe „seit dem 16. Jahrhundert“ – auf die neuzeitliche Seefahrt und das „Reservoir für die Fantasie“, das sie hervorgebracht habe.1 Obwohl Foucault dem Heterotopie-Begriff in seinen Hauptwerken keine große Rolle mehr eingeräumt hat, lassen sich viele, die heute über Schiffe vergangener Zeiten forschen, nach wie vor davon inspirieren. Julia Angster etwa greift den Begriff in ihrer Studie über die Royal Navy zwischen 1770 und 1860 auf, um Schiffe der Kriegsmarine als isolierte „Orte ohne Ort“ zu charakterisieren. Im Weiteren verwendet Angster den Begriff allerdings nicht mehr; es bleibt bei einem knappen Abriss von Foucaults Überlegung.2

Für den gegenwärtigen Stellenwert der Idee des Schiffs als einer Heterotopie scheint mir dieses Vorgehen nicht untypisch: Sie zählt zu den Referenzen, deren Nennung von kulturgeschichtlichen Untersuchungen zur maritimen Themen offenbar erwartet wird, die aber keine forschungspraktische Operationalisierung erfährt. Das ist nicht wirklich verwunderlich, denn bei näherer Betrachtung erweist sich „Heterotopie“ als ausgesprochen vages Konzept: Foucault definiert Heterotopien als „vollkommen andere Räume“, ohne aber zu klären, von welchen Normen solche Räume in welcher Weise abweichen müssen, um in seinem Sinne als „anders“ zu gelten. Die zahlreichen Beispiele, die er neben dem Schiff für Heterotopien aufzählt, könnten kaum unterschiedlicher sein: Feriendörfer und Gefängnisse, Gärten und Bordelle, Kolonien und Altenheime, Arbeitsstätten und Museen, um nur einige zu nennen.

Eine solchermaßen offene Bestimmung – im Kern handelt es sich bei dem Begriff um eine einstellige Relation – hat einerseits den Vorzug, der Historizität von Raum angemessen Rechnung zu tragen. Foucault weist selbst darauf hin, indem er betont, dass sich Heterotopien verändern können. Mitunter sind sie recht kurzlebige Angelegenheiten. Schließlich ist kein Ort aus sich selbst heraus eine Heterotopie. Er wird stets von konkreten Akteuren zu einer solchen gemacht, und zwar zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Räumen.

Gerade dies bedeutet aber andererseits, dass prinzipiell jeder Ort mit einiger Plausibilität als Heterotopie bezeichnet werden könnte oder eben auch nicht – es kommt allein darauf an, wessen Perspektive man folgt. Kolonien etwa sind vor allem von denjenigen als „andere Räume“ betrachtet worden, die nie dort gewesen sind – für den deutschsprachigen Kolonialdiskurs hat Susanne Zantop das eindrucksvoll gezeigt.3 Und ein Schiff stellte sich für einen Bergmann wohl eher als „anderer Raum“ dar als für einen Seemann.

Ergo: Um mit dem Heterotopie-Begriff etwas verstehen, analysieren oder kritisieren zu können, sollte er nicht bloß auf einen Ort bezogen werden wie beispielsweise ein Schiff, sondern immer auch auf die Akteure, die den Ort in ihrer sozialen und kulturellen Praxis zu einem „anderen Ort“ gemacht haben. Ohne zu klären, um wessen Heterotopie es geht, ist der Begriff entbehrlich.

 

[1] Michel Foucault. Die Heterotopien. Die Heterotopien, der Utopische Körper: Zwei Radiovorträge. Berlin: Suhrkamp, 2013. S. 7–22, hier S. 21f.

[2] Julia Angster. Erdbeeren und Piraten: Die Royal Navy und die Ordnung der Welt 1770–1860. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012. 42f.

[3] Susanne Zantop. Colonial Fantasies: Conquest, Family, and Nation in Precolonial Germany, 1770–1870. Durham: Duke UP, 1997.

 

Rezension: „Afrika, letzte Hoffnung“

„Afrika! Meine einzige Alternative…“, seufzte Pier Paolo Pasolini in einem 1961 verfassten Gedicht, das er an den Tod adressierte. Im heimischen Italien beobachtete er mit zunehmendem Entsetzen, wie die kapitalistische Konsumkultur im Zuge des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach dem Weltkrieg eine noch nicht dagewesene Totalität entfaltete. Nach und nach durchwirkte und überformte sie alle Lebensbereiche, selbst die intimsten. Ein Außerhalb dieses Prozesses, den er vehement als zerstörerischen Kulturverfall kritisierte, hoffte der kommunistische Intellektuelle in Afrika zu finden…

…weiter bei: afrika süd 42.4 (2013)

Jenseits des Eindeutigen

Auf den Kapverden herrschten vier Jahrhunderte lang Sklaverei und fünf Jahrhunderte lang Kolonialismus. Ein Blick auf die Beziehungen zwischen Rassismus, Klassenpositionen und Ökonomie der kapverdischen Gesellschaft zeigt, dass gängige Metaerzählungen vom Kolonialrassismus ihrer historischen Wirklichkeit nicht gerecht werden…

…weiter bei: iz3w 339

Im Transit

im Transit

Ein Foto aus Mindelo, April 2006. Pedro Marcelino hat es als Umschlagbild für seine Studie über die Kapverden als Transitraum westafrikanischer Migrationsbewegungen verwendet, die seit Kurzem als Print-on-Demand erhältlich ist:

Pedro F. Marcelino. O novo paradigma migratório dos espaços de trânsito africanos – inclusão, exclusão, vidas precárias e competição por recursos escassos em países tampão: o caso de Cabo Verde. North Charleston: CreateSpace, 2013.

 

Betrunken in Cabinda

Viele Europäer, die im 19. Jahrhundert ins tropische Afrika reisten, erlebten ihre dortigen Aufenthalte teilweise oder gänzlich in berauschten, mitunter wahnhaften Zuständen: Häufig erkrankten sie an fiebrigen Infektionskrankheiten, nahmen starke Medikamente wie Morphium oder Chinin oder standen unter dem Einfluss von Genussdrogen, vor allem von Alkohol. Was dies für Forschungsreisende und ihre Wissensproduktion über Afrika bedeutete, hat Johannes Fabian in seinem Buch über „Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas“ eindrucksvoll gezeigt.1 Was es für andere Akteure wie etwa Händler, Missionare oder Soldaten bedeutete, ist bislang wenig klar.

Vielsagende Einblicke in die Rauschkultur unter Händlern, die einen Ausgangspunkt für weitergehende Überlegungen bilden könnten, finden sich in einem Bericht von Joachim John Monteiro. Als Mineningenieur und Forschungsreisender hielt sich Monteiro Mitte des 19. Jahrhunderts im Nordwesten des heutigen Angola auf. In Quissembo begegnete er um 1870 einem Briten, der seine bevorstehende Rückkehr nach England mit einem dreitägigen Gelage feierte – an dessen Folgen er tags darauf starb. Unter den ausländischen Händlern in der Region sei Alkoholmissbrauch „a principal cause of the sickness“, meinte Monteiro unter dem Eindruck dieser und weiterer Geschehnisse.2 Eine bizarr anmutende Begebenheit erlebte er nahe der Congo-Mündung in Cabinda: „A poor fellow who was dying; was taken out of his bed, seated on a chair at the head of the table, and his head held up to make him drink to his own health, whilst the rest sang, ‘For he is a jolly good fellow!’“ Am nächsten Morgen war der Gefeierte tot.3

Schon zeitgenössische Beobachter wussten, dass ein solchermaßen exzessiver Alkoholkonsum weit mehr als ein gesundheitliches Risiko darstellte. Er drohte auch die koloniale Inszenierung einer rassischen Überlegenheit von Weißen zu gefährden. „In places like these, where negroes look upon white men as white men, we all feel, and are made to feel, the disgrace or degradation of one, and our moral force suffers thereby“, meinte etwa der britische Händler Richard Dennett unter dem Eindruck der betrunkenen Weißen, denen er um 1880 begegnete – ebenfalls in Cabinda.4 Probleme dieser Art hat Harald Fischer-Tiné für den Fall von Britisch-Indien bereits untersucht und gezeigt, dass die koloniale Administration sie sehr ernst nahm.5 Die historisch orientierte Afrika-Forschung steht in ihrer Beschäftigung mit solchen Phänomenen von White Subalternity dagegen noch am Anfang.

 

[1] Johannes Fabian. Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa. Berkeley: U of California P, 2000 (deutsch: Im Tropenfieber: Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas. München: C. H. Beck, 2001).

[2] Joachim J. Monteiro. Angola and the River Congo. London: Macmillan, 1875. Bd. 2 S. 241.

[3] Ebd. S. 242f.

[4] Richard E. Dennett. Seven Years Among the Fjort: Being an English Trader’s Experiences in the Congo District. London: Low/Marston/Searle/Rivington, 1887. S. 13.

[5] Harald Fischer-Tiné. Low and Licentious Europeans: Race, Class and “White Subalternity” in Colonial India. New Delhi: Orient Blackswan, 2009.

 

Rezension: „Herrschaft und Alltag im vorkolonialen Zentralnamibia“

The Herero of today’s central Namibia have not always been a ‘cattle society’, largely centered upon the accumulation of livestock. They have become a cattle society only in the second half of the nineteenth century. This is the key insight of Dag Henrichsen’s study on Herrschaft und Alltag im vorkolonialen Zentralnamibia (“Rule and Everyday Life in Precolonial Central Namibia”). In unfolding his argument, Henrichsen explores social, political, economic, cultural, religious and military processes that transformed Herero society between about 1830 and 1890. And in doing so, he provides the most exhaustive history of that area in that time that has been written to this day…

…weiter bei: Journal of Namibian Studies

 

Rezension: „Connecting Seas and Connected Ocean Rims“

Die Fernmigration vieler Millionen Menschen von allen Kontinenten zählt zu den Phänomenen, die es rechtfertigen, vom 19. Jahrhundert als einem – womöglich dem ersten – globalen Jahrhundert zu sprechen. Für eine noch zu schreibende Globalgeschichte dieser Wanderungsbewegungen will der vorliegende Sammelband ein Baustein sein. Die globale Orientierung verbindet er mit einer sozialgeschichtlichen Herangehensweise und einem Beobachtungsbereich, der die Weltmeere in der Zeit von etwa 1830 bis 1940 fokussiert. Indem er gerade die Ozeane als historische Räume von Migration betrachtet, will sich der Band von Ansätzen der Überseegeschichte abgrenzen, die – nomen est omen – im Meer bloß ein zu überquerendes Dazwischen von Aus- und Einwanderungsbewegungen sehen…

…weiter bei: geschichte.transnational

 

Wie töricht, wie ohnmächtig

ilesaintemarie

Ein Foto vom Übergang zwischen der Île Sainte-Marie und der Île aux Nattes, Madagaskar, Oktober 2010. „Der Tourismus zeigt, daß wir uns daran gewöhnt haben, Freiheit als Massenbetrug hinzunehmen, dem wir uns anvertrauen, obschon wir ihn insgeheim durchschauen“, urteilt Hans Magnus Enzensberger in seiner Theorie des Tourismus. „Indem wir auf die Rückfahrkarte in unserer Tasche pochen, gestehen wir ein, daß Freiheit nicht unser Ziel ist, daß wir schon vergessen haben, was sie ist.“ Doch obwohl der Tourismus „eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit“ ist, wohnt auch ihm ein kritisches Moment inne: „Jede Flucht aber, wie töricht, wie ohnmächtig sie sein mag, kritisiert das, wovon sie sich abwendet.“1

 

[1] Hans M. Enzensberger. Eine Theorie des Tourismus. Einzelheiten 1: Bewußtseins-Industrie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1964. S. 179–205, hier S. 204f.

 

Die kurze Geschichte der kolonialen Straßennamen in Frankfurt am Main, 1933–1947

Das Bild einer statischen Vergangenheit, in der die Straßen und Plätze „immer so“ geheißen hätten, lässt in Vergessenheit geraten, dass koloniale Straßennamen in Deutschland nicht erst heute Gegenstand erinnerungspolitischer Kontroversen sind. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben beide deutsche Staaten zusammen mindestens 30 von ihnen umbenannt oder umgewidmet. Nur etwa die Hälfte dieser Vorgänge fällt in die Zeit nach 2004, als anlässlich der 100. Wiederkehr des Genozids in Deutsch-Südwestafrika eine breitere Öffentlichkeit in Deutschland über die Kolonialgeschichte diskutierte. Wie ist bei früheren Anlässen über koloniale Straßenbezeichnungen gestritten worden? Ich diskutiere diese Frage hier am Fall der Stadt Frankfurt am Main, wo 1946/47 fünf Straßen umbenannt wurden, die Namen von Orten und Akteuren der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika und Ozeanien trugen…

…weiter bei: WerkstattGeschichte 61

 

Nähe zum Meer

Zu den gängigen Klischees über Bewohner und Bewohnerinnen von Inseln zählt die Vorstellung, sie hätten qua Herkunft ein besonders inniges Verhältnis zum Meer. Tatsächlich aber konnten Menschen selbst auf kleinen Inseln ein ganzes Leben verbringen, ohne je an die Küste zu kommen. Auf der kapverdischen Insel Brava etwa, wo die portugiesischen Kolonialherren bis Anfang 19. Jahrhunderts den Besitz von Booten untersagten, lebte der Großteil der Bevölkerung bis dahin auf Kleinfarmen im bergigen Landesinnern. Kaum jemand betrieb hier Fischfang, konnte schwimmen oder hatte je ein Schiff aus der Nähe gesehen.1 Obwohl kein Ort auf Brava weiter als fünf Kilometer vom Meer entfernt liegt, sah die Bevölkerung einem Bergvolk lange ähnlicher als einer Küstengesellschaft.

Ein Einzelfall war Brava in dieser Beziehung nicht. Die versklavten wie die formal freien Arbeiter, mit denen die europäischen Kolonialmächte seit dem 15. Jahrhundert tropische und subtropische Inseln auf allen Weltmeeren massenhaft bevölkerten, wurden ganz überwiegend auf Plantagen im Binnenland eingesetzt. Eine Gelegenheit, die Küste aufzusuchen, eröffnete sich vielen von ihnen nie. Von Cuba berichtet Esteban Montejo, der dort 1860 als Sklave geboren wurde, floh und sich bis zur Abschaffung der Sklaverei 1886 in Wäldern versteckt hielt, über seine späte Begegnung mit dem ihm fremden Meer:

„Je näher ich der Küste kam, desto größer wurde sie. Ich stellte mir immer vor, das Meer sei ein riesenhafter Fluß. Manchmal schaute ich es fest an, und dann wurde es weiß, ein ganz seltsames Weiß, und verlor sich vor meinen Augen. Das Meer ist auch ein großes Geheimnis der Natur. Und es ist sehr wichtig, bedeutend, denn es kann die Menschen mitnehmen, sie verschlingen und nicht wieder hergeben.“2

Keine Gesellschaft wurde allein durch ihre Nachbarschaft zum Meer zu einer Küstengesellschaft. Litorale Gemeinwesen bildeten sich nur dort heraus, wo Menschen darüber hinaus wichtige Bereiche ihres Zusammenlebens wie Wirtschaft, Kultur, Religion oder auch Geschlechterbeziehungen auf das Meer orientierten – wo Nähe zum Meer also nicht bloß räumlich gegeben war.

 

[1] Briton C. Busch. „Cape Verdeans in the American Whaling and Sealing Industry, 1850–1900.“ American Neptune 45 (1985): S. 104–16, hier S. 108; T. Bentley Duncan. Atlantic Islands: Madeira, the Azores and the Cape Verdes in Seventeenth-Century Commerce and Navigation. Chicago, London: U of Chicago P, 1972, S. 236; Deirdre Meintel. Race, Culture, and Portuguese Colonialism in Cabo Verde. Syracuse: Syracuse University, 1984, S. 16.

[2] Miguel Barnet. Der Cimarrón: Die Lebensgeschichte eines entflohenen Negersklaven aus Cuba. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999, S. 59.

 

Küstenreich

kuestenreich

Ein Foto von der Ostseeküste im September 2011. „Opening oneself to the sea, hearing the rote, watching the glim, feeling the sun and the wind in the end gets one only relaxed, tanned, salted, and perhaps thoughtful“, schreibt John Stilgoe in seinem wunderbaren Buch „Alongshore“. Er bringt diese Erfahrung auf einen Begriff, der sich wohl am besten als „Küstenreich“ übersetzen lässt. Oder als „Küstengefilde“? – „To know the coastal realm is to dig, probe, slop about in the ooze, explore the marge, risk a soaking or worse. At least along this stretch of coast, realm adequately designates the vague area seacoast, seascape, and marge never precisely name.“1

 

[1] John R. Stilgoe. Alongshore. New Haven, London: Yale University Press, 1994. S. 404.

 

Der renitente Seemann John Maine

Ein Eintrag im Logbuch des amerikanischen Walfängers Globe aus New Bedford, der im Februar 1859 in Moçâmedes vor Anker ging, dem heutigen Namibe im Süden Angolas:

„At 11 AM the Captain came off from the shore. When he went on shore he told the Boats crew to stay by the Boat, but John Main & Bartholomew Newton left the Boat & went up to a house & got Drunk. John Main Drew a knife on a Portugue & also threw stones at him. when he came on Board the Captain Put him & Newton in Irons. Main wilst in Irons thretned to see the Captains hearts Blood & said he should like to put a knife up to the handle in his guts.“1

Der Seemann John Maine, so weiß es die New Bedford Crew List Database, kam aus Newport und war zu dieser Zeit 21 oder 22 Jahre alt.2 Zehn Tage lang musste er die Kettenhaft erdulden, die Kapitän Alexander Tripp ihm als Strafe auferlegte. Wie so viele Seeleute, denen eine solche Bestrafung widerfuhr, wollte Maine danach die erstbeste Gelegenheit nutzen, um vom Schiff zu fliehen. Die Gelegenheit eröffnete sich Ende März: Um der Mannschaft einen Landgang zu ermöglichen, ließ Kapitän Tripp die Insel St. Helena ansteuern. Hier versuchte Maine mit zwei weiteren Männern, der Globe zu entkommen. Doch Polizisten fassten die Deserteure und nahmen sie für einen Tag in Haft. Da sie sich nach ihrer Entlassung weigerten, auf ihr Schiff zurückzukehren, kamen sie für zwei weitere Tage ins Gefängnis. In der Hoffnung, dass sich der amerikanische Konsul ihrer Sache annehmen würde, kehrten sie danach auf die Globe zurück. Doch der Konsul nahm sich ihrer Sache nicht an. Fünf Seeleute traten nun in einen Streik, den Maine offenbar anführte. Tripp ließ sie in Ketten legen. Doch die Renitenz des Seemanns Maine führte letztlich dazu, dass der Kapitän sich dessen Anliegen zu eigen machte. Mehrere Offiziere und Seeleute hatten sich ihrerseits in einem Schreiben an den amerikanischen Konsul gewandt und ihn ersucht, eine Entlassung Maines zu veranlassen – denn dieser sei „the cause of our trouble on Board“. Nach Tagen der Unruhe willigte Tripp ein, den Seemann zu entlassen, obwohl das aufgrund der vorgeschriebenen dreimonatigen Lohnfortzahlung zusätzliche Kosten bedeutete. „At 2 PM took John Main on shore to the Consul & Discharged him“, vermerkt das Logbuch für den 9. April.3

 

[1] Logbook GLOBE, 11.08.1858–08.05.1861. Providence Public Library, Nicholson Whaling Collection, Wh G562 1858L. 26.02.1859.

[2] http://www.whalingmuseum.org/online_exhibits/crewlist/search.php?term=John+Maine&search_by=name (12.12.2012).

[3] Logbook GLOBE, 11.08.1858–08.05.1861. Providence Public Library, Nicholson Whaling Collection, Wh G562 1858L. 26.03.–09.04.1859.

 

Neue Hilfsmittel zur amerikanischen Walfanggeschichte

Die Geschichte des amerikanischen Hochsee-Walfangs ist erfreulich gut dokumentiert: Von etwa jeder dritten der rund 15.000 Fahrten, die amerikanische Walfänger von Mitte des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts unternahmen, ist das Logbuch überliefert. Mehrere Hundert Tagebücher, Reiseberichte und autobiographische Texte beteiligter Seeleute ermöglichen darüber hinaus die Rekonstruktion von Fahrten, zu denen keine Logbücher mehr existieren. Mithilfe von Zeitungen, Aufzeichnungen von Schiffseignern, Behördenakten, Briefen und anderen Quellen lässt sich das Bild dieser Walfangepoche weiter vervollständigen…

…weiter bei: Deutsches Schiffahrtsarchiv

 

Robert Rosenstone erzählt

„The words with which I evoke the past are a mixture of (…) voices that began to speak in my head, sometimes in the first person, sometimes in the second, sometimes in the third. For years I attempted to smooth the narrative and turn them into one coherent, unified voice, but when I tried to do so, they stopped speaking.“1

 

[1] Robert A. Rosenstone. The Man Who Swam Into History: The (Mostly) True Story of my Jewish Family. Austin: U of Texas P, 2005. S. xiii.

 

Loomings

Pelikane so groß wie Schiffe traten aus dem Nebel hervor, dazu eine Krähe von der Größe eines Felsens. Knochen gestrandeter Wals zeichneten sich hoch wie Häuser am Horizont ab. Beim Forschungsreisenden Charles John Andersson hinterließ die Szenerie einen tiefen Eindruck. „Every object had a bewildering and supernatural appearance“, berichtete Andersson später, „and the whole atmosphere was misty, tremulous, and wavy.“1

Bei dem Phänomen, das Andersson im August 1850 in Walvis Bay beobachtete, handelte es sich um eine mehrfache Luftspiegelung: Im Aufeinandertreffen warmer und kalter Luftmassen brechen die Lichtstrahlen der Sonne und erzeugen in der Luft verzerrte und vergrößerte Spiegelbilder von entfernten Objekten am Boden. Im Deutschen gibt es dafür das wenig geläufig Wort „Kimmung“; etwas bekannter sind die englischen Bezeichnungen Superior mirage und Looming. Das Phänomen tritt auf, wo eine kalte Luftschicht am Boden von einer heißen Luftschicht überlagert wird. In Walvis Bay, wo die heiße Luft der Namib-Wüste auf den aus der Antarktis kommenden Benguela-Strom trifft, ließ es sich häufig beobachten. „All animals grow to the dimensions of immense mountains“, notierte etwa der schwedische Kapitän Thure Gustav Een, der im Mai 1866 auf dem Küstenfahrer Telegraph aus Kapstadt dorthin kam. „You think that you are seeing before you one of the enchanted countries of the fairy tales.“2

Ein Looming erzeugt nicht nur eine phantastische Atmosphäre, sondern kann auch Dinge zu erkennen geben, die sich jenseits der eigenen Sichtweite befinden. Es verändert somit das Raumgefühl, ähnlich wie ein Traum oder ein Rauscherlebnis es vermag. Grenzen, denen die menschliche Wahrnehmung unterworfen ist, scheinen für einen Moment überwindbar. Diese Eigenschaft macht das Looming zu einer reizvollen Metapher für Erkenntnisvorgänge. Schon Herman Melville hatte diese Idee, der das erste Kapitel seines „Moby-Dick“ daher auch „Loomings“ nannte. Dort schildert Melville, wie Mitte des 19. Jahrhunderts an einem Sonntagnachmittag in New York Menschen in Massen ans Ufer kommen und das Meer betrachten. Ihre Blicke richten sich weniger auf die Schiffe, die Seeleute oder das geschäftige Treiben im Hafen. Eigentlich sind sie auf das Wasser fixiert, das sich am Horizont zum Ozean öffnet. Vom Betrachten dieser Öffnung erhoffen sie sich eine Öffnung ihres Denkens – so die Interpretation des Historikers John Stilgoe, der ich hier folge3 –, sei es in der Form eines Tagtraums oder eben einer Luftspiegelung, die sie für einen Moment über den Horizont hinweg sehen lässt. So betrachtet weist das „Loomings“-Kapitel über seine unmittelbare Handlungsrelevanz hinaus – und ist darin selbst einem Looming ähnlich.

So interessant wie Melvilles Blick auf Loomings ist, so interessant wäre es auch, zu erfahren, wie Menschen außerhalb „westlicher“ Wissens- und Erkenntnissystemen sie betrachteten. Welche Metaphern fanden etwa die Leute von Walvis Bay, die ǂAonîn, für das Phänomen? Leider haben Andersson und Een sich dafür offenbar nicht interessiert.4

 

[1] Charles J. Andersson. Lake Ngami; or, Explorations and Discoveries During Four Years’ Wanderings in the Wilds of Southwestern Africa. London: Hurst & Blackett, 1856. S. 17, siehe auch Francis Galton. The Narrative of an Explorer in Tropical South Africa. London: John Murray, 1853. S. 16.

[2] Thure G. Een. Memories of Several Years in South-western Africa, 1866–1871. Windhoek: Namibia Scientific Society, 2004. S. 30.

[3] John R. Stilgoe. Alongshore. New Haven, London: Yale UP, 1994. S. 23f.

[4] In der einschlägigen ethnographischen Literatur lässt sich nichts darüber finden (Kuno F. R. Budack. „The ≠Aonîn or Topnaar of the Lower !Kuiseb Valley and the Sea.“ Khoisan Linguistic Studies 3 (1977): S. 1–42; A. Winifred Hoernlé. „The Social Organization of the Nama Hottentots of South-West Africa.“ American Anthropologist 27.1 (1925): S. 1–24; Oswin Köhler. „Die Topnaar-Hottentotten am unteren Kuiseb.“ Ethnological and Linguistic Studies in Honour of N. J. van Warmelo: Essays Contributed on the Occasion of his Sixty-fifth Birthday 28 January 1969. Hrsg. The Ethnological Section. Pretoria: Government Printer, 1969: S. 99–122).

 

Meer und Himmel

ilesaintemarie

Ein Foto von der Île Sainte-Marie, Oktober 2010. „When we have returned from the sea-side, we sometimes ask ourselves why we did not spend more time in gazing at the sea“, bemerkte der US-amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau 1865 über seine Reisen an die Küste von Massachusetts – und fuhr fort: „but very soon the traveller does not look at the sea more than at the heavens.“1

 

[1] Henry David Thoreau. Cape Cod. 1865. Boston: Houghton Mifflin, 1906. S. 129.

 

Greg Dening erzählt

„Nichts wird für uns am Horizont leuchten, wenn wir ihm nicht selbst ein Stück entgegenkommen.“ Das ist ein typischer Greg-Dening-Satz. Typisch insofern, als er die Schlussfolgerung einer Argumentation – hier über das Historisieren des Meeres – in eine maritime Metaphorik überführt.1 „Leuchten“ war ein Seemannsbegriff dafür, dass sich etwas noch Unbekanntes schwach an der Grenze der eigenen Sichtweite abzuzeichnen beginnt. Und der „Horizont“ ist nicht einfach der Horizont, sondern steht hier für das Gefüge aus Annahmen und Vorstellungen, die jede Erkenntnismöglichkeit umgrenzen wie eben der Horizont die Sicht von einem Schiff aus. Dening hätte also auch etwas schreiben können wie: „Wenn wir neue Einsichten in die Geschichte gewinnen wollen, müssen wir vorherrschende Paradigmen kritisch hinterfragen, um uns zusätzliche Erkenntnisperspektiven zu eröffnen.“ Hat er aber nicht. Zum Glück.

Denings Texte sind auch deshalb so lesenswert, weil sein Schreiben kunstvoll zwei Elemente ineinanderfügt, die sich in den Texten mancher Historiker und Historikerinnen eher voneinander abzustoßen scheinen: Begeisterndes Erzählen und selbstkritische Reflexivität. Wie gelingt diese Verbindung? Die Bemerkungen, die Dening in seinem Aufsatz „A Poetic for Histories“ dazu trifft2, lese ich so: Die Einsicht in die sprachliche Verfasstheit jeder Erkenntnis über das Vergangene versteht Dening – anders als manch andere in seiner Disziplin – nicht als Beschränkung oder gar Bedrohung geschichtswissenschaftlichen Erzählens. Im poetologischen Wesen des eigenen Schaffens sieht er vielmehr einen Möglichkeitsraum und Ansporn, die Vermittlung von Erkenntnis narrativ zu kultivieren. Weniger umständlich gesagt: Wenn schon Geschichte nicht anders als poetisch erzählt werden kann, dann soll man sie doch bitte auch lustvoll, einfallsreich, urteilsfreudig und theatralisch erzählen. Man kann die eigene Sprache kritisch reflektieren – hinsichtlich ihrer Metaphorik, ihrer Positionalität, ihrer Geschichte –, ohne sie ständig als gefahrvolle Macht fürchten zu müssen.

Letztlich ist das Erzählen von Geschichte für Dening ein performatives Ritual, in dem sich die Individualität und Involviertheit der schreibenden oder sprechenden Persönlichkeit mit den konventionalisierten Praktiken von Geschichte als akademischer Institution verbindet. Daher machen sich diejenigen, die ihren poetischen Eigensinn hinter normierter Wissenschaftssprache zu verbergen suchen, nicht weniger angreifbar als diejenigen, die Geschichtswissenschaft in schöngeistiger Literatur auflösen wollen. „There is no past that I describe that is not joined to my present“, so Dening darüber an anderer Stelle, „there is no other that I describe that is not joined to myself. I have not made my knowledge less certain for that, or more relative.“3 Um einen Eindruck davon zu bekommen, was aus diesen Überlegungen praktisch für Denings Erzählen folgt, empfehle ich sein wohl bekanntestes, stilistisch besonders gelungenes Buch: Mr Bligh’s Bad Language: Passion, Power and Theatre on the Bounty. Cambridge: Cambridge UP, 1994.

 

[1] Greg Dening. Tiefe Zeiten, tiefe Räume: Die Zivilisierung der See. Das Meer als kulturelle Kontaktzone: Räume, Reisende, Repräsentationen. Hrsg. Bernhard Klein & Gesa Mackenthun. Konstanz: UVK, 2003. S. 17–47, hier S. 47.

[2] Greg Dening. „A Poetic for Histories: Transformations That Present the Past.“ Clio in Oceania: Toward a Historical Anthropology. Hrsg. Aletta Biersack. Washington: Smithsonian Institution Press, 1991. S. 347–80, hier vor allem S. 353, 360, 365, 372, 376f.

[3] Greg Dening. The Bounty: An Ethnographic History. Parkville: History Dept., U of Melbourne, 1988. S. 66.

 

Leonhard Schultze erzählt

Gewöhnlich sind naturwissenschaftliche Forschungsberichte aus der Zeit um 1900 in poetischer Hinsicht nicht besonders ansprechend. Bevor Rachel Carson in ihren meeresökologischen Bestsellern Mitte des 20. Jahrhunderts beispielgebend biologische Expertise mit literarischen Ambitionen verband, brachten die Naturwissenschaften eher dröge Texte hervor. Umso bemerkenswerter scheint mir daher die Erzählweise, die der Forschungsreisende Leonhard Schultze für seinen 1907 erschienenen Bericht über das südwestliche Afrika gewählt hat – der immerhin für die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften bestimmt war. So schreibt Schultze etwa in anschaulicher Weise über die Felsküste im Süden des heutigen Namibia:

„Draußen am breiten Eingang einer solchen Schlucht, an einer der massigen, runzelig zerfurchten Klippen oder an einem Block spitzer Gneispfeiler, bricht sich die Welle mit einem ersten dumpfen Stoß. Und nun wälzt sich unaufhaltsam, mit einer Steilfront von mehreren Manneshöhen, die brodelnde Masse heran, um so wilder und schneller je enger das Felsenbett wird, in das sie sich zwängen muß. In ihrem Rauschen geht für Momente das Donnern der Brandung unter, dann setzt es verstärkt wieder ein und mischt sich in das hohle Poltern und Anschlagen der schweren Gerölle, die das rücklaufende Wasser mit sich reißt. Noch ist die Welle nicht verlaufen, da verschwindet der hundert Meter lange Felsrücken, der zwei Schluchten trennt und bisher allem Ansturm getrotzt hatte, in einem ungeheuren Wasserschwall, der seitlich in breitem Strom über ihn hinwegschießt, an dem gegenüberliegenden Felsenzug anbrandet und in das übervolle Tal schäumend zurückgeworfen wird.“1

 

[1] Leonhard S. Schultze. Aus Namaland und Kalahari: Bericht an die Kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin über eine Forschungsreise im westlichen und zentralen Südafrika, ausgeführt in den Jahren 1903–1905. Jena: G. Fischer, 1907. S. 3.

 

entlang der Küste

vilankulo

Ein Foto aus Vilankulo vom März 2010. Wieso eigentlich kennt die deutsche Sprache keine Wörter, die den englischen Adjektiven alongshore und coastal entsprechen?

 

Ships and Beaches as Arenas
of Entanglements from Below

Remembering the moment he arrived at his first whaling ground on a New Bedford whaler in the mid-nineteenth century, sailor Charles Nordhoff remarked: “I was looking for some peculiarity in the color of the water, the strength of the breeze, or the quality of the atmosphere, to distinguish this from the other parts of the ocean.” Although “so much had been said of ‘good whaling ground’”, the sea of the Mozambique Channel turned out to be “as deeply blue, the breezes as gentle, and the air as hazy as it generally is in those portions of the tropics”. The ocean with its inscrutable surface conceals its mysterious inhabitants from the whaleman as it conceals its mysterious pasts from the historian. However, when explored in the right way, the ocean reveals its secrets and regorges its whales and its pasts. “The Sea Is History,” Derek Walcott entitled his famous poem. It is not only a history of linking together ‘larger’ processes on the land, but a history in its own right, shaped by its own actors, following its own logic. “Where are your monuments?” Walcott asks and gives the answer: “The sea has locked them up.” Seeking material artifacts on the sea makes a historian look like the young Charles Nordhoff awaiting the color of the water to change when reaching a whaling ground…

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„Was erstarrt ist, hat einmal pulsiert“

things loom through the glim

Ein Foto aus Ponta do Sol, Santo Antão, vom April 2006. „Gebaute Welten sind Resultate, mit langen, meist verborgenen Vorgeschichten“, meint Karl Schlögel über die gegenständlichen Artefakte menschlichen Schaffens in der Landschaft. „Alle fixen Formen sind aus lebendiger Arbeit hervorgegangen. Was erstarrt ist, hat einmal pulsiert. Die Leistungskraft geschichtlicher Imagination zeigt sich daran, daß sie Fixgewordenes noch einmal verflüssigt.“1

 

[1] Karl Schlögel. Im Raume lesen wir die Zeit: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München: Carl Hanser, 2003. S. 302f.

 

Gegen Relevanz: Richard Reid über die Verkürzung der tiefen Vergangenheit Afrikas

Das akademische Interesse an Geschichte in Afrika verengt sich seit den 1980er Jahren mehr und mehr auf das späte 19. und das 20. Jahrhundert, vor allem auf letzteres. Diese Entwicklung kommentiert Richard Reid in einem beachtenswerten Aufsatz für die vorletzte Ausgabe des Journal of African History kritisch.1 Afrikas tiefe Vergangenheit – so umschreibt Reid elegant die mannigfaltigen Epochen vor der Kolonialherrschaft – fällt einem „Präsentismus“ zum Opfer: einer Verkürzung von Geschichte auf einige wenige Jahrzehnte der jüngeren Zeit, denen Forscher und Forscherinnen Relevanz für die Gegenwart zuerkennen.

Unter den verschiedenen Ursachen, die Reid für dieses Problem ausmacht, hebt er eben jene Versteifung auf das vermeintlich Relevante besonders hervor: Wenn sich Geschichtswissenschaft vom „real business of policy and solutions and the ‘here and now’“ eine gegenwartsorientierte Problemlösungsagenda aufnötigen lässt, muss das Befassen mit tiefer Vergangenheit auf kurz oder lang als verzichtbarer Luxus gelten.2 Vielleicht ist die an Afrika interessierte Geschichtsschreibung dieser Gefahr deshalb in besonderem Maße ausgesetzt, weil sie ihre Projekte nicht selten in interdisziplinäre Forschungszusammenhänge einbindet, die Gegenwartsprobleme Afrikas untersuchen. Um die Verkürzung afrikanischer Geschichte abzuwenden gilt es, so Reid, der vorgeblichen Relevanz des 20. Jahrhunderts die Signifikanz der tiefen Vergangenheit gegenüberzustellen: „We need to rediscover the wider significance of precolonial history and to build safeguards against the presentism that too often foreshortens African history.“3

Die Erklärung, was es denn konkret heißt, der Behauptung von Relevanz mit der Demonstration von Signifikanz zu begegnen, bleibt Reid schuldig. Daher weiß ich auch nicht, was ich von dem Vorschlag halten soll. Keine Zweifel habe ich aber daran, dass Reid hier ein wichtiges Problem benennt und treffend analysiert. Wer noch eine Bestätigung für die Marginalisierung der tiefen Vergangenheit Afrikas braucht, kann diese zum Beispiel bei der Durchsicht der African Studies Abstracts Online der letzten Jahre finden. Oder, ganz aktuell, im gerade veröffentlichten Programm der diesjährigen Tagung der Vereinigung für Afrikawissenschaften in Deutschland.

 

[1] Richard Reid. „Past and Presentism: The ‘pre-colonial’ and the Foreshortening of African History.“ Journal of African History 52.2 (2011): 135–55.

[2] Ebd. 153.

[3] Ebd. 155.

 

Wessen Blick auf Afrika?

Was der vorherige Beitrag für Afrika in Anspruch genommen hat, trifft selbstredend auf die anderen Kontinente nicht weniger zu. Daher wundert es mich immer wieder, in wie vielen Afrika-bezogenen Veröffentlichungen der letzten Jahre vom „europäischen Blick auf Afrika“ zu lesen ist – als hätte es jemals nur einen gegeben. Europa ist vielleicht kleiner als Afrika, aber es ist sicher groß genug, um ebenfalls multizentrisch zu sein. Und so wenig, wie sich Europa als einheitlicher Raum darstellte, teilte seine Bevölkerung ein gemeinschaftliches Projekt oder einen gemeinsamen Blick. Darauf hat jüngst Nicole Ulrich nachdrücklich hingewiesen: Die Forscher und die Seeleute, die Missionare und die Prostituierten, die Adligen und die Handwerker oder die Beamten und die Deportierten, die ab dem 15. Jahrhundert auf Schiffen aus Europa an die Strände Afrikas kamen, waren „nicht durch ein einziges intellektuelles Projekt verbunden, sondern durch tiefe gesellschaftliche und ideologische Spaltungen zerrüttet“.1 So formuliert es Ulrich in einem Aufsatz über die Forschungsexpedition des schwedischen Naturwissenschaftlers Anders Sparrman, die Anfang 1772 von Göteborg ans Kap der Guten Hoffnung segelte.

Ulrich hat vor einem Jahr an der University of the Witwatersrand über Widerstandspraktiken und Selbstorganisierung von Seeleuten, Sklaven und Sklavinnen, Soldaten und anderen „arbeitenden Armen“ in der Kapkolonie des 18. Jahrhunderts promoviert.2 Die Arbeit habe ich noch nicht lesen können, aber der thematische Zuschnitt verspricht, dass hier mehr über die Widersprüche zwischen denjenigen zu erfahren ist, denen oft allzu schnell eine einheitliche Perspektive unterstellt wird.

 

[1] Nicole Ulrich. „Dr Anders Sparrman: Travelling with the Labouring Poor in the Late-Eighteenth-Century Cape.“ South African Historical Journal 61.4 (2009): S. 731–49, hier S. 733 (Zitat übersetzt von F. S.).

[2] Nicole Ulrich. „Counter Power and Colonial Rule in the Eighteenth-Century Cape of Good Hope: Belongings and Protest of the Labouring Poor.“ Diss. U of the Witwatersrand, 2011.

 

Zum Unbehagen, über Afrika zu schreiben

„Luanda und Rio, Mombasa und Bombay oder Tunis und Marseille liegen sich unvergleichlich viel näher als Khartum und Windhoek, Freetown und Antananarivo oder Lusaka und Dakar“, meint Georg Brunold in seinem programmatisch betitelten Buch „Afrika gibt es nicht“.1 „Afrika gab es nie“, ließe sich mit Blick auf die Geschichte ergänzen. Schließlich verband Mombasa, um im Beispiel zu bleiben, auch schon in der Vergangenheit mehr mit Bombay als mit Luanda oder Windhoek.

Das Unbehagen, Afrika als Entität zu betrachten, ist zunächst ein Unbehagen gegenüber Generalisierungen: Auf den gesamten Kontinent bezogene Aussagen können die widerspruchsvolle Verschiedenheit, die er allein schon aufgrund seiner Größe unausweichlich umfasst, kaum angemessen abbilden. Schlimmstenfalls reproduzieren diejenigen, die „Afrika als ein einziges Land behandeln“, koloniale und exotistische Stereotype, wie sie etwa Binyavanga Wainaina in seiner Polemik „Schreiben Sie so über Afrika!“ aufzählt.2 Demgegenüber ließe sich einwenden, dass Abstraktion ein unverzichtbares Erkenntnisinstrument und es ohne Verallgemeinerung und Vereinfachung nicht möglich ist, überhaupt eine Aussage über Geschichte zu treffen.

Doch das Unbehagen, Afrika als Entität zu betrachten, ist auch ein Unbehagen gegenüber Verzerrungen: Aussagen über Afrika deuten nicht nur Bezüge innerhalb des Kontinents an, die es womöglich nicht gab, sondern lassen auch die über den Kontinent hinausweisenden Bezüge, die es gab, in den Hintergrund treten. Dieses Problem, auf das das Eingangszitat Brunolds verweist, ist nicht einfach ein Konflikt zwischen Verallgemeinerung und Konkretisierung oder zwischen Stereotyp und Repräsentationsgerechtigkeit. Es ist das Problem, die historischen Räume menschlichen Erfahrens und Handelns auf Begriffe zu bringen, die ihren tatsächlichen Dimensionierungen gerecht werden. In diesem Sinne hat Jonathan Reynolds auf Joseph C. Millers Überlegungen zur Rolle Afrikas in einer multizentrischen Weltgeschichte entgegnet: „Vielleicht ist Afrika selbst groß genug, um multizentrisch zu sein.“3

 

[1] Georg Brunold. Afrika gibt es nicht: Korrespondenzen aus drei Dutzend Ländern. Frankfurt a. M.: Eichborn, 1994. S. 10.

[2] Binyavanga Wainaina. „Schreiben Sie so über Afrika! Stöhnen ist gut: Eine Anleitung.“ Süddeutsche Zeitung, 17.01.2006.

[3] Jonathan T. Reynolds. The Borders of African and World History. Recent Themes in the History of Africa and the Atlantic World: Historians in Conversation. Hrsg. Donald A. Yerxa. Columbia: U of South Carolina P, 2008, S. 38–42, hier S. 40 (Zitat übersetzt von F. S.).

 

Die Dinge deuten sich im schwachen Schein an

things loom through the glim

Ein Foto von der Ostsee im September 2011, das mich an das Sprachbild „things loom through the glim“ von Greg Dening erinnert. Er erläutert es so:

„‚Looming‘ – wenn sich ein Bild schwach am Horizont abzeichnet – ist ein Wort von der See. ‚Glim‘ – der schwache Schein – ist auch eins, obwohl sich ‚glim‘ im Englischen zu ‚glimpse‘ (flüchtiger Blick) und ‚glimmer‘ (glimmen, schimmern) gewandelt hat. Wenn wir vom Bord eines Schiffes oder vom Strand aus in die Ferne schauen, zeichnen sich Dinge durch den schwachen Schein am Horizont ab: ‚things loom through the glim.‘ Für einen Moment, im schimmernden Licht und Nebel des matten Scheins, sehen wir über den Horizont hinaus, jenseits der Grenzen unseres Blickfelds.“1

 

[1] Greg Dening. Tiefe Zeiten, tiefe Räume: Die Zivilisierung der See. Das Meer als kulturelle Kontaktzone: Räume, Reisende, Repräsentationen. Hrsg. Bernhard Klein & Gesa Mackenthun. Konstanz: UVK, 2003. S. 17–47, hier S. 46.

 

Segeln und gefangen sein

„Ein Gefängnis mit der Aussicht zu ertrinken“, nannte der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson das Schiff als solches, als er am 6. Januar 1833 als Passagier auf dem Handelsfahrer Jasper aus Boston seinen Tagebucheintrag vornahm.1 Viele derjenigen, die auf Segelschiffen arbeiteten, verglichen das Schiff dagegen mit einer Sklavenplantage. „Seeleute sind auf See so furchtbarer Sklaverei ausgesetzt wie jedes der Kinder Afrikas in jedem beliebigen Teil der Welt“, meinte etwa Ben Ely, der von 1844 bis 1847 als Küfer auf dem Walfänger Emigrant aus Bristol (Rhode Island) arbeitete, in seinem Bericht über die Fahrt.2

Um die Ähnlichkeiten, die das Leben auf Schiffen, in Gefängnissen und auf Plantagen verband, auf einen Begriff zu bringen, haben Historiker und Historikerinnen das Konzept der „totalen Institution“ aufgegriffen, das der Soziologe Erving Goffman 1957 entwickelt hat. Als totale Institutionen kategorisiert Goffman Einrichtungen, in denen Menschen gegenüber ihrer gesellschaftlichen Umgebung räumlich und kommunikativ weitgehend abgeschlossen leben, zum Beispiel Gefängnisse oder geschlossene Psychiatrien. Aufgrund ihrer Isoliertheit prägen totale Institutionen das Dasein ihrer Bewohner und Bewohnerinnen umfassend. Weil das auch auf Schiffen zu beobachten ist, hat es sich in der maritimen Geschichtsschreibung durchgesetzt, auch diese als totale Institutionen zu beschreiben – zumindest solche Schiffe, auf denen Seeleute vergleichsweise lange zusammenlebten, also etwa Handelsfahrer, Walfänger oder Kriegsschiffe.

Aus diesem Gleichklang schert Timo Heimerdinger in seiner Untersuchung über den Seemannsberuf und seine Repräsentationskultur aus. Als „nicht brauchbar“ weist er den Begriff für Schiffe zurück. Denn als totale Institutionen, so Heimerdingers Haupteinwand, wollte Goffman Einrichtungen zur sozialen Disziplinierung verstanden wissen, und davon könne beim Schiff keine Rede sein.3 Anders als die meisten Argumente Heimerdingers überzeugt mich dieser Punkt nicht. Denn ob „totale Institution“ zur Kategorisierung von Schiffen taugt oder nicht, scheint mir nicht davon abzuhängen, zu welchem Grad der Begriffsgebrauch der Erstbestimmung durch Goffman entspricht bzw. von ihr abweicht. (Ohnehin hat sich der Bedeutungsinhalt des Begriffs durch seine Verwendung in Forschungen etwa zu Altenheimen, Arbeitslagern oder Flüchtlingsunterkünften verändert.) Entscheidend ist wohl eher, ob die Ähnlichkeiten, die der Begriff andeutet, empirisch nachweisbar sind und ob die Analogiebildung hilft, historische Vorgänge zu verstehen.

Für beides sprechen viele Argumente, die man unter anderem bei Vilhelm Aubert, Marcus Rediker und Ralf Lisch finden kann.4 Und bei Greg Dening. Der hat eine Jesuitenschule besucht, bevor er begann, über Schiffe zu forschen. In Erinnerung an diesen Lebensabschnitt schreibt er: „I knew what ‘total institutions’ were long I read about them in Erving Goffman’s The Presentation of Self in Everyday Life.“5

 

[1] Ralph W. Emerson. From Journals. American Sea Writing: A Literary Anthology. Hrsg. Peter Neill. New York: Library of America, 2000, S. 118–27, hier S. 120 (Zitat übersetzt von F. S.).

[2] Ben E. S. Ely. There She Blows: A Narrative of a Whaling Voyage in the Indian and South Atlantic Oceans. Middletown: Wesleyan UP, 1971, S. 40f., 86 (Zitat übersetzt von F. S.).

[3] Timo Heimerdinger. Der Seemann: Ein Berufsstand und seine kulturelle Inszenierung (1844–2003). Köln: Böhlau, 2005, S. 79–81.

[4] Vilhelm Aubert. The Hidden Society. New Brunswick: Transaction, 1982; W. Jeffrey Bolster. Black Jacks: African American Seamen in the Age of Sail. Cambridge: Harvard UP, 1998, insb. S. 11f., 90f.; Peter Linebaugh & Marcus Rediker. The Many-Headed Hydra: Sailors, Slaves, Commoners, and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic. Boston: Beacon, 2000; Ralf Lisch. Totale Institution Schiff. Berlin: Duncker & Humblot, 1976, insb. S. 39f.; Marcus Rediker. Between the Devil and the Deep Blue Sea: Merchant Seamen, Pirates, and the Anglo-American Maritime World, 1700–1750. Cambridge: Cambridge UP, 1993.

[5] Greg Dening. Beach Crossings: Voyaging Across Times, Cultures, and Self. Philadelphia: U of Pennsylvania P, 2004, S. 261.